6. Türchen

Im Oktober bin ich täglich mit der S-Bahn zwischen Mannheim und Heidelberg gependelt.
Bei all diesen Fahrten ist mir eine Begegnung besonders in Erinnerung geblieben. An diesem
Tag war die S-Bahn besonders voll – alle Plätze waren besetzt und auch im Gang standen die
Menschen gedrängt. Ich hatte noch einen Platz in einer Vierersitzgruppe ergattert und neben
mir saß eine ältere Dame. Eine junge Frau im Gang rempelte sie aus Versehen an. Anstatt sich
zu beschweren, reagierte die ältere Dame freundlich und fing an eine Geschichte zu erzählen.
Da die junge Frau nicht gut deutsch konnte, richtete die ältere Dame ihre Aufmerksamkeit an
uns anderen in der Vierersitzgruppe. Ich stellte mich schon auf eine eher langweilige
Erzählung ein, aber stattdessen sprühte die ältere Dame nur so voll Lebensfreude und
Weltoffenheit. Sie war schon viel in der Welt herumgekommen und hatte allerhand zu
erzählen. Die Zeit verflog und ich musste leider aussteigen. Sie verabschiedete mich mit den
Worten „Die Fortsetzung folgt morgen – selbe Zeit selber Ort!“.
Diese kurze Begegnung mit einer völlig Fremden war für mich ein Lichtblick. Sie strahlte
eine Offenheit und Unvoreingenommenheit aus, die mich beeindruckt hat. Ich habe mir
vorgenommen diese ältere Dame als Vorbild zu nehmen. So möchte ich den Menschen um
mich herum, ob in der S-Bahn, in der Schule, in der Uni, an der Arbeit oder zu Hause
begegnen.

Genauso hat es uns Jesus vorgelebt. Er ist auf die Menschen zugegangen, hat sie freundlich
angeschaut und sie gesehen. Für uns ist ER auf diese Welt gekommen. Daher haben wir als
Kirche die Aufgabe den Menschen freundlich zu begegnen und sie da abzuholen, wo sie
stehen. Sie anzunehmen, wie sie sind, mit all Ihrem Versagen, Schmerz, Leid und auch ihrer
Lebensfreude, und was sie sonst so mitbringen. Gott macht es mit uns nicht anders. An
Weihnachten kommt ER zu uns – also warum nicht auch WIR als Christen zu unseren
Mitmenschen?

Ab Dezember pendle ich wieder täglich mit der Bahn – ich bin schon gespannt welche
Begegnungen da auf mich warten 🙂

Ein Beitrag von Julia Beisel, Jugendmitarbeiterin in Süddeutschland

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