22. Türchen

Dr. Andrea Grünhagen, Referentin für Theologie und Kirche im Kirchenbüro der SELK in Hannover führt und begleitet uns heute durch die stille, heilige Nacht, sodass wir an dieser noch ganz andere Aspekte wahrnehmen.

Stille Nacht, heilige Nacht…

Ah ja, das ist ja das Lied mit dem Owie. Und dem holden Knaben im lockigen Haar. Kein Wunder, dass es das nicht mal ins geplante neue Gesangbuch der SELK geschafft hat. Im Evangelischen Gesangbuch steht es aber drin. Im Gotteslob auch. Ist der Text nun peinlich oder schön?
Also vor allem ist er nicht vollständig, wenn nur die üblichen drei Strophen abgedruckt werden. Die ursprüngliche Dichtung hat nämlich sechs Strophen. Die aussagekräftigsten hat man leider oft weggelassen. In Wirklichkeit geht das bekannte Weihnachtslied so:

1.Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft. Einsam wacht
nur das traute hochheilige Parr,
Holder Knab‘ im lockigen Haar. 
Schlaf in himmlischer Ruh‘
schlaf in himmlischer Ruh‘.

2. Stille Nacht, heilige Nacht!
Gottes Sohn! O! Wie lacht
Lieb‘ aus deinem göttlichen Mund,
da uns schlägt die rettende Stund,
Jesus in deiner Geburt,
Jesus in deiner Geburt.

3. Stille Nacht, heilige Nacht!
Die der Welt, Heil gebracht!
Aus des Himmels goldenen Höh’n
uns der Gnaden Fülle läßt seh’n
Jesus in Menschengestalt
Jesus in Menschgestalt.

4. Stille Nacht, heilige Nacht!
Wie sich heut, alle Macht
väterlicher Liebe ergoß,
und als Bruder huldvoll umschloß
Jesus die Völker der Welt,
Jesus die Völker der Welt!

5. Stille Nacht, heilige Nacht!
Lange schon, uns bedacht,
als der Herr vom Grimme befreit,
in der Väter urgrauer zeit
aller Welt Schonung verhieß
aller Welt Schonung verhieß!

6. Stille Nacht, heilige Nacht!
Hirte erst, kundgemacht.
Durch der Engel Hallelujah,
tönt es laut von fern und nach
Christ der Retter ist da,
Christ der Retter ist da.

Damit hätte sich das Problem mit dem Owie schon mal erledigt. Merke: Satzzeichen können Leben rette. Beispiel: Wir essen jetzt, Oma. Es muss hier heißen: O! Wie lacht. Aber zugegebenermaßen erschließt sich das erst, wenn man es mal geschrieben gesehen hat. Aber das haben wir ja nun. Den holden Knaben, bzw. seine lockigen Haare kann man sogar historisch erklären. Im Jahr 1816 dichtete ein junger Pfarrer in Österreich im Ort Mariapfarr ein Weihnachtsgedicht. Dabei hatte er ein Bild in seiner Kirche vor Augen, auf dem das Jesuskind blonde, lockige Haare hat. Natürlich weiß niemand, ob Jesus wirklich lockige Haare hatte. Er war mit ziemlicher Sicherheit nicht blond. Man weiß genauer gesagt noch nicht einmal, ob er als Neugeborener überhaupt soviel Haare hatte, dass man das hätte erkennen können. Es ist auch echt egal. In jeder Kultur gibt es Krippendarstellungen, die die Weihnachtsgeschichte in ihre jeweilige Umgebung versetzen und die Personen so aussehen lassen, wie sie dort eben aussehen. Das ist auch theologisch in Ordnung. Jesus wurde Mensch, einer von uns, soll das bedeuten. Er kommt dahin, wo wir leben. Wenn zum Beispiel afrikanische oder asiatisch aussehende Krippenfiguren oder Bilder okay sind, dann sind in Tirol auch Bilder vom Jesusknaben mit blonden Locken okay. 
Wie aus dem Gedicht ein Lied wurde, das ist aber eine andere Geschichte. Vor genau 200 Jahren, am 24.12.1818 wurde es zum Weihnachtsgeschenk für eine arme Gemeinde an der bayrisch-österreichischen Grenze. Die Menschen, die in Oberndorf am Fluss Salzach wohnten, verdienten ihr Geld als Flussschiffer. Damit wurde man nicht reich. Das Jahr 1818 ist außerdem als das „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte eingegangen. Das hatte was mit einem Vulkanausbruch irgendwo zu tun und Aschewolken in der Atmosphäre, jedenfalls litten die Menschen wegen der Missernte Hunger. Zu allem Überfluss hatte Napoleon ein paar Jahre zuvor halb Europa mit Krieg überzogen.
Und ausgerechnet zu Weihnachten ging nun die Orgel in der Pfarrkirche in Oberndorf kaputt. Dabei wollte der Hilfspfarrer Joseph Mohr seiner Gemeinde doch wenigstens mit einer wunderschönen Christmette eine Freude machen. Da fiel ihm das Weihnachtsgedicht ein, das er zwei Jahre zuvor verfasst hatte und er bat den Lehrer und Organisten, der Franz Xaver Gruber hieß, doch bitte das Gedicht zu vertonen, vierstimmig, für den Kirchenchor und mit Gitarrenbegleitung. Da gelang auch und so wurde das Lied: „Stille Nacht, Heilige Nacht“ in der Weihnachtsnacht 1818 uraufgeführt.
Kurz nach Weihnachten kam der Orgelbaumeister Mauracher, um die Orgel zu reparieren, lernte das Lied kennen und fand es so schön, dass er es überall, wo er hinkam, spielte und es an bekannte Sänger weitergab. Damit trat es seinen Siegeszug durch die Welt an. Bereits 1822 wurde Stille Nacht vor den Kaisern Franz I von Österreich und Alexander I von Russland aufgeführt.
Der preußische König Friedrich Wilhelm IV (das war der, dem selbständige Lutheraner dankbar sind, dass er die Verfolgung der Altlutheraner beendete) liebte dieses Weihnachtslied auch sehr. Er wollte wissen, wer es verfasst hätte und ließ durch seine Hofkapelle in Österreich anfragen. Das war 1854, da lebte Franz Xaver Gruber noch und hat die Geschichte aufgeschrieben.
1905 wurde das Lied zum ersten Mal auf Schallplatte aufgenommen. Die Version von Bing Crosby (das ist der mit „White Christmas“) von 1935 verkaufte sich weit über 10 Millionen mal. Mittlerweile ist das Lied aus der armen Kirche an der Salzach in über 300 Sprachen übersetzt worden. Man kann es sogar auf Grönländisch, Hawaiisch, Rätoromanisch und Gälisch singen.
2011 hat es die Unesco in das immaterielle Kulturerbe Österreichs aufgenommen.
Natürlich ist es schlicht. Das war die Gemeinde, für die Joseph Mohr es geschrieben hat, ja auch. Aber es ist alles drin, was an Weihnachten zu sagen ist, von der Verheißung des kommenden Retters an bis zur Menschwerdung Gottes in der Heiligen Nacht. Und ist es nicht besonders schön, wie oft der Name Jesus darin vorkommt? Vielleicht können sich ja viele nur nicht mit dem Lied identifizieren, weil sie zu stolz sind. Mit den Werken eines Leipziger Thomaskantors geht das besser. Aber die schlichten Verse eines Hilfsgeistlichen einer hungernden Gemeinde, nein das lieber nicht. Aber „Stille Nacht“ ist mittlerweile in der ganzen Welt bekannt und seine Kraft besonders da entfaltet, wo die Menschen auch litten und froren und hungerten. In den Schützengräben des 1. Weltkrieges und in Stalingrad zum Beispiel. Es ist übrigens nicht das einzige Weihnachtslied, das eine so bescheidene Herkunft hat. „Vom Himmel hoch“ schreibt Luther als Kinderlied für seine Kinder. „Ich steh an deiner Krippen hier“ dichtete Paul Gerhardt fünf Jahre nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges. „O du fröhliche“ war ein Geschenk von Johann Daniel Falk in Weimar für seine Waisenkinder. Da passt „Stille Nacht“ doch gut dazu.
Es ist eigentlich auch klar: Gottes Liebe gilt besonders den Kindern und den Armen. Zu Weihnachten wurde er ja selbst ein Kind und arm. Daran kann uns „Stille Nacht“ erinnern.

Anstehende Veranstaltungen

  1. JuMiG Westland

    September 25 @ 19:00 - September 27 @ 12:00
  2. Ostival

    Oktober 2 - Oktober 4

Externe Links