19. Türchen

Das 19. Türchen hält Eike Ramme für uns parat.

Für jeden wehen 100 bunte Tücher

Was bedeutet Weihnachten? Der römisch-katholische Pfarrer Erhard Bögershausen verdeutlicht es anhand einer Geschichte, die Mut macht.

von Erhard Bögershausen NORDENHAM – Ein Mann hatte lange Jahre im Gefängnis einsitzen müssen. Jetzt nahte allmählich der Tag seiner Entlassung. Frau und Kinder hatten ihn nur ganz selten besuchen können, weil sie so weit weg wohnten. Je näher die Entlassung kam, desto mehr zitterte er vor dem Augenblick, da er wieder frei sein würde.

Er hatte Angst, ob ihn die Seinen wieder aufnehmen würden, da doch im Dorf jeder wusste, was geschehen war. Deshalb bat er in einem Brief seine Frau um ein Zeichen: „Wenn ich heimkehren darf zu dir“, schrieb er ihr, „dann häng’ mir ein buntes Tuch in den Apfelbaum auf dem Hügel, den man vom Zug aus am ehesten sieht.“ Würde er bei seinem Kommen kein Tuch sehen, – beschloss er –, dann würde er den Zug erst gar nicht verlassen und nie mehr heimkehren.

Der Tag der Entlassung war da. Schon seit Stunden saß er im Zug, mit zugeschnürter Kehle und eiskalten Händen. Ein paar Kilometer waren es noch. Der ehemalige Häftling starrte in die Kurve, die der Zug gerade durchfuhr. Da schoss ihm der Apfelbaum auf dem Hügel in die Augen. Er war mit 100 bunten Tüchern behängt.

Dieser Man hatte gehofft, vor allem aber gebangt. Er sah die Dinge nüchtern und wusste, wie es um ihn stand. Würden sie ihm in ihrer ordentlichen Welt wieder ein Plätzchen zugestehen? Dass diesem Mann viele Tücher entgegen wehten, hat ihn tief verwandelt: Sie verzeihen ihm nicht nur, sie heißen ihn willkommen.

Und genau das meint Weihnachten: Die Geburt Jesu, der aus der Herzmitte Gottes in unsere Welt eingetreten ist, zeigt uns, dass wir grundlos von Gott geliebt sind. Gottes Geheimnis besteht darin, dass jeder, der die Bühne des Lebens betritt, immer schon 100 bunte Tücher – nicht nur eins – für sich aufgehängt findet.

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, Ihren Christbaum anschauen, dann denken Sie einen Augenblick an diesen Apfelbaum: Er steht für Gottes Baum, für Gottes grundlose Zuwendung im Kind von Bethlehem, die uns einlädt, dass wir uns in den Weihnachtstagen einander und – in den großen Kollekten der Kirchen „Adveniat“ und „Brot für die Welt“ – den Armen zuwenden.



Quelle: https://www.nwzonline.de/fuer-jeden-wehen-100-bunte-tuecher_a_6,1,1853488338.html

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